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Am Sonntag, dem 19.07.2026 gibt es wieder ein ganz besonders Konzert in der Kapute Szene:

Fred Frith & God`s Burnout "The Naked Truth"

Fred Frith                    -     guitar

Matthias Kaiser          -     prepared and amplified violin

Saskia von Klitzing     -     Schlagwerk

Jun-Y-Ciao                  -     reeds, screams

Das Free-Punk-Jazz Trio God`s Burnout trifft auf den Gitarristen Fred Frith

Fred Frith: Seit Ende der 1960er Jahre einer der prägendsten Avantgarde-Rock- und Improvisationsmusiker. Erwähnt seien hier nur seine legendären Bands Henry Cow, Massacre, Skeleton Crew, seine innovativen "Guitar Solos" (die erste LP in dieser Reihe von 1974 ist ein Meilenstein der experimentellen Gitarrenmusik), der Film "Step across the Border" und seine unzähligen Kollaborationen im Bereich der Frei improvisierten Musik.

Das Trio God`s Burnout wurde von dem Violinisten Matthias Kaiser initiiert und trat erstmals beim Moers-Festival 2025 auf.

19.Juli 2026, 19 Uhr (Einlass 18 Uhr)

Kapute Szene,

Kyffhäuser Straße 31 (Hinterhaus)

50674 Köln

Eintritt: 10 EUR, Spende für den Raum gerne, aber freiwillig

Aufgrund großer Nachfrage operieren die Veranstalter mit einer Reservierungsliste. E-mail bitte an:

thomas.venker@kaput-mag.com

 

 

 

 

 

 27. Mai 2026

Ich hatte mir kürzlich vorgenommen, ein paar der neu entstandenen Orte für aktuelle, nicht-kommerzielle Kultur in Köln anzuschauen. Also nicht die etablierten, die ich schon kenne. Ich gehe nicht mehr so viel aus, also entgeht mir wohl auch so Vieles. Klar, es gibt da zum Beispiel seit mehreren Jahren die "Plattform für nicht dokumentierbare Ereignisse" in der Ehrenfelder Galerie Dürrenfeld/ Geitel, die von dem Tuba-Spieler Carl-Ludwig Hübsch und von Vertretern einer ganz jungen Generation frei improvisierender Musiker, wie dem Saxophonisten Ben Jones, kuratiert wird.

Von einem langjährigen Musikerfreund, dem umtriebigen Violinisten Matthias Kaiser, erfuhr ich von dem Performance- und Ausstellungsort "Kapute Szene" - benannt nach dem "Kaput-Magazin für Insolvenz und Pop" - in der Kyffhäuser Straße zwischen Barbarossaplatz und Südbahnhof. Matthias ist einer der dortigen Kuratoren und tritt auch selbst dort mit Musiker/-innen auf, die er jeweils einlädt.

"Der Klang von Kaiwa", so heißt eine Reihe, in der jeweils zwei Künstler aus sehr unterschiedlichen kulturellen Sphären -in diesem Falle vor allem aus der östlichen und der westlichen- präsentiert werden. Die dahinterliegende Intention ist ein Dialog mittels Kunst.  " Kaiwa" ist das japanische Wort für Dialog. Eine einfache, aber tolle Idee.

Matthias sagte mir gestern noch, dass bei der neuen Ausgabe Joe Baiza eingeladen ist. Er würde seine Bilder ausstellen und ein Solo-Konzert geben. Bei mir klingelt es sofort: Joe Baiza, der Gitarrist von Bands wie The Universal Congress Of und Saccharine Trust, auf die ich in den 80ern und frühen 90ern total abgefahren bin. Viermal habe ich Joe schon live erlebt. Das vorletzte mal war im Sonic Ballroom. Wie lange ist das her? 15 Jahre oder 20? Er hatte damals eine Art Comeback und trat im vollbesetzten Ballroom gleich mit seinen beiden legendären Bands auf: The Universal Congress Of, wohl die einzige Jazzcombo, die ausschließlich in Indie-Clubs auftrat, eröffneten den Abend in der Besetzung Saxophon, Gitarre, Vocals (Baiza sang auch in dieser Band), Bass, Schlagzeug. Wunderschöne Bebop-artige Themen, knackige, niemals ausufernde Soli. Ich hatte die Band schon zweimal erlebt, aber nie so brilliant! Danach spielte die Punkband Saccharine Trust mit dem Dichter und Sänger Jack Brewer. Die waren der absolute Hammer! Brewer ein enorm expressiver, elektrisierender Performer, er und Baiza ein unschlagbares Gespann. 

Wenn ich die Saccharine Trust- Platten aus der Mitte der 80er Jahre wieder höre, wird mir klar, dass Baiza einer der herausragenden Post-Punk-Gitarristen war ( Damals nannte man das freilich noch nicht so!). Er spielte auch überbordend expressive Soli, die sich aber niemals in blödem Rumgewichse verloren, sondern stets mit Jack Brewers ungestüm wild vorgetragener Lyrik korrelierten. Die Band war aber auch Jazz- beeinflusst und offen für freie Improvisation. Die Musik auf ihrer Platte "Worldbroken" von 1985, mit Mike Watt von Minuteman am Bass, wurde in einer einzigen Nacht komplett improvisiert. 

Das nächste Mal, dass ich ihn live hörte, war gleich hier um die Ecke, im Blue Shell, etwa 5 Jahre nach dem Ballroom-Gig. Es war das allererste Konzert eines neuen Trios mit einem Kontrabassisten und einem Schlagzeuger. Sie spielten eine sehr freie, locker arrangierte Instrumentalmusik. Baiza war noch jazziger als zuvor; unüberhörbar war, dass sein Spiel von der harmolodischen Konzeption Ornette Colemans beeinflusst ist, dessen Komposition "Peace" sie auch darboten. Nur eine Handvoll Leute waren gekommen. Joe sagte mir nach dem Konzert, dass es wohl nicht mehr viele Leute gäbe, die seinen Namen noch kennen würden         

Jetzt und hier, im Ausstellungsraum "Kapute Szene": Ein zum Teil recht junges Kunst-Publikum ist gekommen, um Baizas Kunst und die der ebenfalls in dieser Ausstellung präsentierten, aus Istanbul stammenden Malerin, Musikerin und DJ-Künstlerin Ece Özel zu sehen. Es ist warm; die meisten Besucher stehen draussen im Innenhof. Ich gehe in den Raum. In einer Ecke eine E-Gitarre und ein Fender-Verstärker. Dahinter ein DJ-Set mit Turntable und Mischpult. Neugierig schaue ich mir die in einer Reihe an der schmalen Wand hängenden Zeichnungen Joe Baizas an. Bis auf ein farbiges alle in Schwarz, Weiß und Grau gehalten. Sie scheinen spontan entstanden zu sein. Im Vordergrund fallen zunächst grob gezeichnete Portraits von Personen mit markanten Gesichtern in den Blick (dazu gehört auch ein Entenkopf), dahinter Szenen und Konstellationen, die eigene Assoziationen wecken und zulassen. Dunkle Umrisse einer musizierenden Band, kleine Straßen, Häuser, die eher Hütten gleichen- für mich, der ich die USA nicht aus eigener Erfahrung kenne, wirkt das zunächst seltsam. Gemeinhin assoziiert man ja mit amerikanischen Großstädten breite Boulevards und Highways und monumentale Wolkenkratzer. Auf einem anderen Bild ein schwebender Donut, eine Ölförderpumpe... Gleich daran anschließend, an der Längswand, eine Reihe von Gemälden von Ece Özel. Hinten im Raum, als einzige Sitzgelegenheit, ein Sofa. Keine Bestuhlung. Als Joe Baiza hereinkommt, sich hinsetzt, seine Gitarre nimmt, kommen einige Leute herein. Die meisten setzen sich auf den Boden, manche stehen. Es entsteht eine Atmosphäre von gespannter Neugier und Intimität.

Nach der Ansage von Kurator Thomas Venker spielt Baiza einen Solo-Set. Ist es ein Thema, dass er da gerade anspielt und dass ihm als Ausgangspunkt für seine Improvisation dient? Vielleicht Ornette Coleman? Er improvisiert. Versunken, introspektiv. Seine markanten Gesichtszüge verschwinden fast unter seinem Hut. Er bevorzugt den reinen Gitarrenton, kein Schnickschnack, keine elektronischen Effekte - nur ein Looper kommt mal zum Einsatz - keine Präparation, keine Klangexperimente, keine zur Schau gestellte Virtuosität. Manchmal spielt er suchend, tastend. Dennoch geradeheraus, schnörkellos, jeder Ton wohlüberlegt. Er bevorzugt lange Singlenote-Linien. Es ist diese Art von melodischem Improvisieren, die ich sehr schätze. Mir kommen Assoziationen zu den unaufgeregt ruhigen melodischen Exkursionen eines Ornette Coleman und auch zu Grant Green, zwei der phantasievollsten Melodiker des Jazz.

Kurze Rückblende: Das Schallplattenlabel SST, Ende der 70er von Greg Ginn, dem Gitarristen der Harcore-Band Black Flag, gegründet, um die Platten seiner Band zu veröffentlichen , brachte in den 80ern einige immens innovative und einflussreiche Platten von Bands wie Minutemen, Hüsker Dü, Sonic Youth, Meat Puppets, Blind Idiot God und eben Saccharine Trust und The Universal Congress Of heraus. Diese Bands fanden breite Beachtung in der Pop-Rezeption, wurden zum Teil enthusiastisch gefeiert. Die interessantesten von ihnen erweiterten den Begriff von Punk (also im weiteren Sinne von Rock bzw. Pop) um einige bemerkenswerte Aspekte. Um ein paar davon hervorzuheben: Jazz und das Konzept offener Improvisation ( Saccharine Trust, The Universal Congress Of, Mike Watt, später auch Thurston Moore), Noise und präparierte E-Gitarren (Sonic Youth), die radikal minimalistische Neu-Definition des Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trios (Minutemen). Diesen Bands ging es jedoch nie um Innovation als solche, schon gar nicht um Hipness. Sie waren bzw. wurden Teil einer Bewegung und machten einfach nur beharrlich ihre eigene Musik. 

Während jedoch Kim Gordon, Thurston Moore und Lee Ranaldo von den ohnehin vergleichsweise erfolgreichen Sonic Youth oder auch Black Flag-Sänger Henry Rollins mit ihren Solo-Projekten größere Beachtung fanden und finden, zumindest dann, wenn ihre Musik nicht allzusehr von gängigen Rock-bzw. Pop-Schemata abweicht, kann ein Typ wie Joe Baiza, dessen Kunst und Musik vielleicht mehr als von irgendetwas anderem vom Geist der Improvisation beseelt ist und der sich jeglichen Mainstream-kompatiblen Strömungen konsequent zu entziehen scheint, schon mal leicht in Vergessenheit geraten. Seine Kunst funktioniert am besten in "small places". Aber jedes Mal, wenn Joe in town ist, werde ich hingehen. Sein Gitarrespiel hinterlässt Spuren. Sein Beispiel macht aber auch deutlich, dass die große Kunst des Improvisierens nach wie vor keinerlei kommerzielles Verwertungspotential hat (Natürlich kann ich mich täuschen).

Es ist ein tolles Verdienst von Kapute Szene, Joe Baizas Musik und endlich auch seine Kunst zu präsentieren.

In vielerlei Hinsicht ist es ein Ort, der Begegnung möglich macht.

 

Eine ausführliche Einführung in die Ausstellung von Thomas Venker:                          

Auf besonderen Wunsch - aber nicht nur deshalb!- hier der Hinweis auf ein Konzert von drei Musikern aus dem Ruhrpott und einen aus Berlin im Kölner Loft. Man beachte die ungewöhnliche Doppel-Besetzung von Schlagzeug und Gitarre:

THORSTEN TÖPP      E- Gitarre

MICHA SCHILLINGS   E-  Gitarre

SIMON CAMATTA       Schlagzeug

PATRICK HENGST      Schlagzeug

Mittwoch, 1. Juli 2026, 20 Uhr

LOFT, Wissmannstraße 30, 50823 Köln

 

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